Und da stand ich nun. Zum dritten Mal an diesem Tag. Und es gab einen Vorteil: Ich wusste, wer wann wo vorbeifahren würde, und ob das wirklich störte oder nicht. Und ich wusste auch, dass die Sicherheitsbedenken heute irgendwie anders waren als gestern, was beruhigend war. Ich höre meinen Atem laut in meinem Helm. Die Ampel geht aus. Ich fahre vorwärts. Nicht einfach nur
los, sondern tatsächlich
vorwärts. Kein Wheelie, kein Nachvornepreschen. Nur die RN22 kommt etwas später rechts vorbeigeflogen.
WOW. Ich hatte wieder etwas dazugelernt. Und auch im dritten Rennen heute zeigte sich der Todesreifen unauffällig. Was ja kein Wunder war, weil ich ja rechts nicht so stark drehte wie ich hätte können. (Was sich in der Zukunft noch als sehr, sehr gut herausstellen sollte.) Flüssig defensiv zogen das gelbe Gerät und ich unsere Linien und arbeiteten uns vor. Wer hatte als schnellste Minuslady hier schon etwas zu verlieren? Also lag die Betonung auf
defensiv. Ich war zum Coaching hergekommen. Dass stattdessen eigentlich nur Rennen zu fahren waren, entpuppte sich als reiner Zufall. Freude am Fahren - sie wurde noch größer als ich in der letzten Runde eine Ducati in Altrosa-Metallic auf die letzte Kurve zuschimmern sah. "Oh, die Dame hat eine Kamera montiert", durchzuckte es meinen Schädel. "Dann will sie es wohl nicht anders." Die Freude am Fahren wurde zu einem breiten Grinsen, als ich am Ausgang auf die Gerade mit deutlich mehr Kurvenspeed und den zwei Fingern der linken Hand in einem "V" in die Kamera grüßte, um die Ziellinie zuerst zu überfahren.
Ich hatte jemanden überrundet. In einem Rennen. Das war mir noch nie passiert.
Ein wenig Stolz darauf, dass ich mit meinem Zweirad durch die ganzen Rennen manövriert war, ohne jemand anders oder mich zu gefährden, vermischte sich mit ein wenig Scham, dass es keine große Leistung sei Erste in einem Rennen zu werden, wo man schon allein vom sehr dünnen Fahrerinnenfeld mit sehr großen Leistungsunterschieden eine hohe Wahrscheinlichkeit auf ein Podium hatte. Aber so war es nun mal. Und es galt immer noch "If you want to finish first, first you have to finish".
Nach einer kurzen Absprache war klar, dass ich entweder trainieren konnte oder der Siegerehrung beiwohnen. Ich entschied mich für trainieren und holte die dritte Buchstütze vorab aus dem Büro und bedankte mich für die gute Orga. Nach den Rennen endete die offizielle Zeitnahme, und der Transponder konnte schon weg. Ich hätte die dritte Flasche Brausewasser auch nicht geöffnet (meistens war ich auch zu doof dazu), und Tanja würde mich sicher meisterhaft vertreten.
Und mangels Zeitnahme kam ich in die Versuchung, mal wieder einen Laptimer zu montieren. Jahrelang hatte ich dies nun verweigert. Aber ich war an einem Punkt, an dem ich trainieren und den Effekt nachvollziehen wollte, um besser/anders trainieren zu können.
Es passierte, was passieren musste: Anstelle während der langen Links eine Linie gut zu fahren, glotzte ich auf das Display und sah, wie die Box eine Strecke suchte. Vor der letzten Kurve betrachtete ich, wie sich Sekunden addiert hatten.
Also gut. Abkleben. Es geht nicht ohne.
Nach dem Abkleben ging es etwas besser. Und obwohl ich relativ schlapp war, bin ich nach etwas Bremstraining mit Herrn Bühn noch eine 1:51,8 auf dem Todesreifen gefahren. Die hätte eventuell auch noch besser ausfallen können, wenn wir das Fahrwerk so angepasst hätten, dass ich wieder mehr Feedback vom Hinterrad bekam. Mit einem relativ gefühllosen Slick, der eine zweifelhafte Bewertung bei "Verhalten im Grenzbereich" bekommen hatte, wollte ich nichts riskieren.
Wir waren hier bei WSB
SPORT. Und das war unübersehbar. Zum Ende der Veranstaltung war ich fix und fertig. Und während ich noch die Schwitze aus meinen Klamotten trocknete, hatten andere schon eingepackt. So auch der Michi und Natali(i)a. Sie bedankte sich zum Abschied noch einmal für das Kühlschrankasyl, das wir der Riesenportion hausgemachtem Krautsalat gegeben hatten. Und sagte:
"Ich hoffe, wir sehen uns nochmal wieder. das hat richtig Spaß gemacht, vor allem zu sehen, wie du mit solcher Freude dabei bist."
Ich stutzte. Freude? Da hatte ich wohl in letzter Zeit irgendwie etwas übersehen.
Nach Abschluss der Verabschiedungszeremonien und einem zwangsweisen Gespann-Wendemanöver zwischen Box 42 und Medical-Wartezentrum (*stolz*) juckelten wir dann gen Lübeck und freuten uns auf definitiv weniger als 6 Stunden Schlaf.
Memento mori. Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.
(Disclaimer: Der Autorin ist bewusst, dass es sich bei dieser Rennveranstaltung, vor allem beim letzten Rennen, nicht um eine ernstzunehmende Meisterschaft handelt, sondern um die Kategorie "vergoldete Ananas". Als Referenz sind die eingangs genannten persönlichen Startpunkte zu sehen, und nicht das Niveau anderer. Es geht allein um die Weiterentwicklung.)