SV650 aus dem letzten Jahrtausend

Der Bereich für Eure Projekte, Um- und Aufbauten. Auch Tips und Tricks zu Feinheiten, aber keine Standardthemen wie: so wechselte ich die Bremsbeläge.

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Knubbler
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Re: SV650 aus dem letzten Jahrtausend

Beitragvon Knubbler » Dienstag 22. Juni 2021, 18:43

schnubbi hat geschrieben:Sehe ich genau so wie du. Eine Serien-SV bei 10.000 oder mehr zu bewegen macht überhaupt keinen Sinn, bei der Gladius noch weniger. Leider gibt es Tuner, die sich mit dem SV-Motor nicht so gut auskennen wie du und nichts über die Schwachstelle wissen. Diese Motoren halten dann leider nicht besonders lange. Ich wollte mit meinem Post auch nur verhindern, dass Serien-SV Fahrer jetzt plötzlich Angst vor dem Pleuel Thema haben. :wink:


Das würde ich sofort unterschreiben. Vor Pleuel die abreißen, braucht nun wirklich keiner Angst haben, das ist ohne Vorschädigung oder Fehlbedienung extrem unwahrscheinlich. Wovor die Leute wirklich Respekt haben sollten, sind die Einspritzer Kurbelwellen, auf die ist überhaupt kein Verlass. Wie gesagt, die Knubbel oder Gladius sind da total unkritisch.


R6-Pille hat geschrieben:Bitte ergänz doch noch mal die Maximalkraft am besten anschaulich als Gewichtskraft in Tonnen im oberen Totpunkt ohne entlastende Gaskraft die durch die Kompression stattfindet.


Das Pleuel hat an der Stelle knappe 100mm² und es ziehen knappe 2 Tonnen daran. Also absolut unkritisch für diesen Werkstoff, selbst nach Dauerbetriebs Festigkeit. Zum Vergleich kann man sich mal die Panigale V4R ansehen, die satte 16500/min dreht und auch 81mm Kolben hat. Die oszillierenden Massen von ihr sind mir nicht bekannt, aber unter den selben Bedingungen würden da brachiale 4 Tonnen am Pleuel ziehen.

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scm
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Re: SV650 aus dem letzten Jahrtausend

Beitragvon scm » Dienstag 22. Juni 2021, 23:34

Knubbler hat geschrieben:Falls ich hier irgendwo Blödsinn von mir gegeben habe, bitte ich das zu entschuldigen. Wenn sich jemand gut auf dem Gebiet auskennt, würde ich mich sehr über eine Einschätzung und Tipps dazu freuen.

Also wenn du schon darum bittest: das Pleuel ist nicht vier Mal,
sondern nur doppelt so lang wie der Hub (lambda = 1/4) ... :mrgreen:

Nee, mal im Ernst: wieder ein sehr schöner Bericht von dir!

Viele Grüße
Sven

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Re: SV650 aus dem letzten Jahrtausend

Beitragvon Knubbler » Donnerstag 24. Juni 2021, 09:45

Hast mich erwischt! Kurbelradius hätte es heißen müssen. Pleuel 4x so lang wie der Hub waren dann doch eher die Zeiten von Carl Benz :mrgreen:

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Henning #17
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Re: SV650 aus dem letzten Jahrtausend

Beitragvon Henning #17 » Donnerstag 24. Juni 2021, 10:41

:crazy: positiv bekloppte hier unterwegs :wink:
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Re: SV650 aus dem letzten Jahrtausend

Beitragvon Knubbler » Freitag 16. Juli 2021, 11:50

Hallo zusammen,
einige werden es schon vermutet haben, ich kann mich nicht zufriedengeben mit einer Schätzung der Materialeigenschaften. :alright:
Ein Test musste her, gut wenn man eine Zugversuch-Maschine zur Verfügung hat :D
Also ein weiteres Pleuel auseinander gesägt und unten eine runde Aufnahme dran geschliffen.


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Damit konnte ich das Stück einspannen und eine Zugprobe herausarbeiten.

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Die Probe hat einen zylindrischen Teil, in dem die Dehnung stattfinden soll und geht dann konisch auf, an den Enden sind je ein Gewinde zum daran Ziehen. Diese wurde dann in Halter der Maschine eingeschraubt und die Einheit in die Anlage gesetzt. Auf die Probe wurde eine hochauflösende Kamera ausgerichtet.

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Die verschiedenen Farben und Richtungen dienen einem besseren Kontrast und Reflexionen, auf denen man dann später optisch mit einer Auswertesoftware messen kann.

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Links die ungespannte Probe und rechts kurz vor dem Abriss. Sie ist jetzt um 17% länger als ursprünglich und das ist die Bruchdehnung des Materials. Zu dem Zeitpunkt der Einschnürung hat man den elastischen Bereich des Materials verlassen und der zylindrische Teil zieht sich wieder zurück, während der Teil der Verjüngung nachgibt und immer dünner wird.
So sah das gute Stück dann nach der Prozedur aus, das wird ein netter Briefbeschwerer auf meinem Tisch. Unter dem Mikroskop gab es an der Bruchstelle nicht wirklich etwas Neues oder Interessantes zu sehen, daher lasse ich das mal weg.

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Jetzt kommen wir mal zur Auswertung und was das Material kann. Vorneweg, es ist kein Material von der Stange oder was ich in einem Katalog gefunden hätte.
Die Maschine hat eine Rampe zum Ziehen von 0,050mm/sek als Vorgabe bekommen. Hier sieht man über die Zeit des Versuches die Dehnung der Probe und den Stress im Material, bezogen auf den ursprünglichen Durchmesser.
Man muss aber dazu sagen, dass in Wirklichkeit der Stress nicht abnimmt, jedoch misst man nur die Kraft von Außen und diese fällt wieder ab bei der Einschnürung. Der verjüngte Durchmesser ist ja nicht bekannt, also rechnet man mit dem ursprünglichen. Aus Anwender Sicht interessiert uns aber in dem Punkt nur die maximale Zugfestigkeit, also was kann ich dran hängen bevor es abreißt.

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Uns interessiert aber nicht der Zeitverlauf, sondern der Stress über die Dehnung des Materials, also rechnet man es in ein Spannungs-Dehnungs Diagramm um. Hier mal ein Exemplar aus dem Lehrbuch zur Erklärung.
Zuerst befindet man sich im elastischen Bereich. Dort befindet sich der normale Anwendungsfall von Bauteilen, sie werden belastet, verformen sich elastisch und gehen danach wieder in den Ursprung zurück. Das ganze passiert linear auf der Hookeschen Geraden, auch genannt das E(lastizitäts)-Modul. Es beschreibt welche Kraft es pro Fläche braucht, um das Material elastisch zu verformen. Das ist ein sehr charakenischer Wert für ein Material.
Am Ende der Geraden erreicht man den Bereich der Streckgrenze und kommt zur plastischen Verformung, das Material fängt an nachzugeben und geht nicht mehr in die ursprüngliche Form zurück beim Entspannen. Wenn man dann an den höchsten Punkt kommt, ist man an der Zugfestigkeit angekommen und die Einschnürung beginnt, solange bis der Bruch eintritt.

spannungs-dehnungs-diagramm-08.png
spannungs-dehnungs-diagramm-08.png (31.33 KiB) 338 mal betrachtet
Quelle: Maschinenbau-Wissen.de

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Das ist die fertige Messkurve zu dem Material. Das E-Modul liegt bei 204.000N/mm² und damit genau im erwarteten Bereich von dem Stahl. Die Zugfestigkeit liegt bei 1030N/mm², was schon ein recht ordentlicher Wert ist, wenn man es mit ST37 Wald und Wiesen Stahl vergleicht (370N/mm²). Jeddoch gibt zum Beispiel Carirllo für ihre Pleuel an bis zu 1500N/mm² an Zugfestigkeit zu haben. Aber die Zugfestigkeit alleine bringt einem garnichts, denn man könnte den Stahl auch einfach hoch vergüten, um die Festigkeit hoch zu treiben. Doch dann wird er spröde und das hat am Pleuel nichts verloren. Man hat an der Bruchstelle des abgerissenen Pleuels schon gesehen, dass es überhaupt kein sprödes Material gewesen ist.
Meine persönliche Vermutung wäre, dass Carrillo H-Schaft Pleuel tatsächlich etwas spröder sind und das über die stabile Form auch nicht weiter negativ ausfällt. So können sie eine höhere Festigkeit durch entsprechende Vergütung verwenden, ohne die Gefahr von Brüchen, hab zumindest noch nicht viel Schlechtes über die gehört. Leider sind bei diesen Pleuel die oszillierenden Massen oft deutlich höher als konventionelle Formen und das treibt die Kräfte der 2.ten Ordnung unnötig nach oben. Bevor jetzt einer mit dem Gedanken spielt, Nein ich werde keins meiner Carrillos auseinander sägen zum Messen :mrgreen:
Was an dieser Kurve auffällt, ist die hohe Streckgrenze von 918N/mm² im Vergleich zur Zugfestigkeit. Das macht also sehr viel mit, bevor es dauerhaft plastisch verformt wird. Jetzt mag sich manch Einer fragen was ich da so toll dran finde, jede 10.9er Schraube hat die selbe Festigkeit und Streckgrenze. Ja hat sie, aber nur ~9% Bruchdehnung, das Pleuel hat 17%. Ich habe zumindest in Stahl Tabellen kein vergleichbares Material von der Stange gefunden, daher schätze ich es als besonders ein. Werden die schlauen Japaner schon extra am Kochtopf so legiert haben :wink:
Ich bin natürlich immer noch kein Fachmann der Metallurgie, also habt Nachsehen wenn ich Blödsinn verzapft habe. Gerne sind auch Nachträge von wissenden Leuten wie zb. techam erwünscht, das schätze ich sehr.

Bis bald!


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